Das Internet ist so schlau

Juli 10, 2009

Die Franzosen haben es echt drauf. Das Magazin „Le Tigre“ startete im Dezember vergangenen Jahres eine Serie mit dem Titel „Das Google-Porträt“ und sorgte damit für großes Aufsehen. Der erste Teil richtete sich an einen gewissen Marc L., ein Onlineleser der Zeitschrift, und fing an mit den Worten:

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Marc. Am 5. Dezember 2008 wirst du 29 Jahre alt. Ist es okay für dich, wenn wir uns dutzen, Marc? Du kennst mich nicht, aber ich ich kenne dich gut.“

Auf den folgenden zwei Seiten plauderte der Autor jede Menge private Details über Marc aus. Im Frühjahr 2008 habe er beispielsweise eine Geschichte mit Claudia gehabt, „charmant, kleine Brüste, kurzes Haar, schöne Beine.“ Es folgen weitere Einzelheiten zu Marcs Liebesleben, zur Familie, Geschichten über seine Vergangenheit in einer Rockband und noch viele viele Dinge mehr, die eigentlich niemanden etwas angehen. Sollte man zumindest meinen.
Natürlich folgte der empörte Aufschrei auf den Fuß. Der 29-jährige Franzose war geschockt über die fiese Kampagne der Zeitschrift gegen seine Person und zog umgehend einen Anwalt zu Rate.

Doch dann dämmerte es Marc L.. Woher wusste der Autor so viel über sein Privatleben? Natürlich aus dem Internet. Fein säuberlich hatte Marc in den vergangenen Jahren sein Facebookprofil gepflegt, stets neue Bilder auf Flickr gestellt und Videos auf Youtube hochgeladen. „Geheimnisse“, die für Jedermann frei zugänglich war. „Le Tigre“ musste lediglich sämtliche Plattformen abklappern und die Informationen fein säuberlich in einem Text verpacken.

Eine Klage scheiterte, die Redaktion erklärte sich aber bereit, auf der Internetseite die Namen der Betroffenen zu verändern und besonders pikante Details auszulassen. Das gedruckte Magazin mit den Originalangaben lag zu diesem Zeitpunkt aber schon längst in etlichen französischen Haushalten.

Wie klug ist das denn? Eine Geschichte, die einerseits die Sensationsgier der Leser befriedigt, auf der anderen Seite aber schonungslos auf Missstände aufmerksam macht und damit sogar wirklich etwas bewirkt. Marc L. hat seine Lektion nämlich gelernt und, so weit es zumindest möglich war, sämtliche Informationen über sich aus dem Internet genommen. Und da wird er nicht der Einzige sein. Ich werde jetzt auch erstmal die Nacktfotos auf StudiVZ löschen.

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2 Antworten to “Das Internet ist so schlau”

  1. JUICEDaniel Says:

    Nacktfotos? Mist, hätte ich mich wohl doch vorher da mal anmelden sollen… zu spät 😉

    [@ Zeitung: Das war natürlich NICHT ernst gemeint. Leider sieht man die Mimiken im Internet nicht, sondern nur blanker Text.]

    Puuh, an was man alles denken muss… 😉


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