Skandal um den guten Mo

März 4, 2009

„Danke Mo“ war vor knapp drei Wochen mein Einstieg in die Blogossphäre. Anlass für meinen ersten Eintrag war ein Artikel aus der Zeit über den (vermeindlichen) Wissenschaftsbetrug des Ägypters El Naschie. Nach Angaben des Autors, Christoph Drösser, hatte der 64-jährige gelernte Ingenieur „über Jahre hinweg die Fachwelt mit gelehrt klingendem Unsinn genarrt“. Über 300 Arbeiten hat El Naschie in den letzten 15 Jahren veröffentlicht, die meisten in der Zeitschrift Chaos, Solitons and Fractals. Das lustige daran: El Naschie ist Herausgeber und Chefredakteur dieser Publikation, die monatlich erscheint und läppische 4042 Euro im Jahr kostet. Und das war noch nicht mal alles. Immer wieder hat sich der „dubiose Wissenschaftler“, so der Zeitredakteur, in seinen Texten selbst zitiert und damit den sogenannten Impact Factor seiner Zeitschrift in die Höhe getrieben. Je höher dieser Wert ist, desto größer das Prestige des Magazins. Laut Drösser finden sich derzeit rund 3050 Zitate von El Naschies Texten in der Web of Science- Datenbank, rund 80% davon stammen vom Ägypter selbst.

Daraufhin habe ich damals meine ersten vorsichtigen Schritte in die Welt der Blogs gewagt und mich darüber amüsiert,  dass ein Mensch die Dreistigkeit haben kann, die Fachwelt solange an der Nase rumzuführen. Irgendwie ja auch bewundernswert, wenn einer das Gerücht streut, für den Nobelpreis nominiert zu sein, obwohl es für diese Auszeichnung gar keine Nominierungen gibt. Der gute Mo war eigentlich auch schon fast vergessen, hätte mich nicht  ein anderer Blogger darauf aufmerksam gemacht, dass der Artikel aus dem Zeit-Archiv verschwunden ist.  (Warum löscht die Zeit Berichte raus?) Außerdem kamen immer mehr Leute mit dem Suchwort „El Naschie“ auf meine Seite. Also habe ich mich mal ein bißchen im Web schlau gemacht. Und siehe da, in verschiedenen Blogs und Foren sind grade heftige Diskussionen darüber entbrannt, warum der Artikel weg ist. Auf scienceblogs.de äußert sich Christoph Drösser selbst zu dem Thema:

Nur eine ganz kurze Stellungnahme vom Autor der Geschichte: Selbstverständlich hat es juristische Gründe, dass der Artikel vom Netz ist, El Naschie ist gerichtlich gegen die ZEIT vorgegangen.

Hat also der Redakteur schlampig ermittelt oder droht der in die Enge getriebene Wissenschaftler einfach nur mit massiven Strafzahlungen? Die Sachlage scheint nicht so einfach zu sein. Drösser will ohne seinen Anwalt nicht näher auf die Angelegenheit eingehen, dementsprechend ausgiebig wird in den Blogs spekuliert.  Zoran Skoda im n-category cafe:

I contacted one influential Nobel prize winner who knows El Nashchie and told me that he can’t or does not want to do much about it, and this is not a big thing and so on. And I was informed of huge influence of that guy in some middle east countries, what is not an argument which should be cited by a person of Nobel prize standing, and I feel it insulting for the decency of discussion. I do not care if the person is powerful; I care if he is right or wrong.

Besonders grotesk wird die Diskussion, als ein Blogger auf scienceblogs.de sich fürchterlich über die  Schmährufe gegen El Naschie erbost und von einer Verschwörung gegen den Ägypter spricht:

Es ist in der Tat erschreckend, dass eine renomierte Zeitung wie Die Zeit solche skandalösen Behauptungen ungeprüft aufstellen. Wenn der Leser dann erfährt, dass die meisten der Behauptungen über Professor Dr. Mohamed EL Naschie entweder inakkurat oder sogar total erfunden sind, dann muss man sich fragen warum das alles. Was bewegt so viele Leute dazu einen Charaktermord zu begehen. Meiner Meinung sind die Gründe eindeutig und ebenso skandalös. Das Ganze hängt damit zusammen, dass Professor EL Naschie, sowie 2 anderen Kollegen, der kanadische Physiker Garnet Ord und der französische Astrophysiker Laurent Nottale eine gewichtige und offensichtlich revolutionäre allgemeine Theorie aufgestellt haben. […] Dennoch jeder der diese Sache genau verfolgt merkt sofort, dass Interessengruppen zu einem heiligen Kampf gegen EL Naschie gerufen haben. […] Die verleumderischen und fast obszönen Attacken von Herrn Christoph Drösser kann nur als ein verzweifelter Versuch gesehen werden seinem Kollegen Schiermeier zur Rettung zu kommen. Sie können versichert sein, dass diese verleumderischen Behauptungen ein sehr ernstes Nachspiel haben werden in den deutschen und englischen Gerichten.

Okay, da ist wohl einer ein Anhänger El Naschies. Die Antwort folgt auf dem Fuss:

Die von Ihnen benutzten Begriffe „Charaktermord“, „heiliger Kampf gegen EL Naschie“ sind die Worte eines egomanischen Fanatikers, der den Bezug zur Verhältnismässigkeit verloren hat. Gleichzeitig ist z.B. das Wort Charaktermord eine genaue Übersetzung des Begriffs „character assassination“, der in den Blogs von fürsprechenden Scheinidentitäten mit Kairoer IP-Adresse verwendet wird. Dass Wort gibt es sonst gar nicht, es ist daher wie Ihr unverwechselbarer Fingerabdruck, Herr Baron. Ihr Kommentar liest sich wie eine Übersetzung einiger Blog-Einträge dort, und Ihren brieflichen Androhungen rechtlicher Schritte gegenüber der UC Riverside, an der John Baez beschäftigt ist.
Sie sind nicht D. Baron, sondern Sie sind Herr El-Naschies selbst. Obszön ist Ihr Journal und nicht die Aufarbeitung des unfassbaren Vorgangs, den Sie verschuldet haben. Je mehr Sie übrgens von „Charaktermord“ und „Verschwörung gegen El-Naschie“ reden, sich selbst in eine Reihe mit Einstein, Hawkins und Feynman stellen, mit Nobelpreisträgern fotografieren lassen, und Ratschläge zur Verhinderung des Alterungsprozesses beim Menschen veröffentlichen, desto deutlicher wird auch jedem Nichtwissenschaftler werden, dass Sie sehr hoch auf dem „crackpot index“ (Spinnerskala) rangieren. Eine im Internet veröffentlichte sehr amüsante Liste von für Ihren Schlag typischen Äußerungen, Vorgehensweisen, Anschuldigungen und Verdächtigungen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie dennoch einen guten Weg heraus aus dieser Affäre finden können. Aber suchen Sie die Schuld nicht nur bei den anderen, auch wenn Sie möglichweise damit recht hätten, denn u.a. die verbreitete Nachlässigkeit im Wissenschaftsbetrieb, der Hang zum Esoterischen und die Bereitschaft Ihnen alles zu glauben haben Ihr Vorgehen sicher sehr unterstützt.

Das geht jetzt noch eine Weile so hin und her. Sehr amüsant. Ich werde das weiter verfolgen und bin gespannt, wie der überarbeitete Artikel der Zeit aussehen wird…

P.S.: Die Anwälte von „Mo“ El Naschie sind ja zur Zeit schwer beschäftigt. Damit auch ich nicht noch Post von denen bekomme, gebt mir bitte Bescheid, wenn euch heikle Passagen in meinem Text auffallen sollten:)

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4 Antworten to “Skandal um den guten Mo”

  1. JUICEDaniel Says:

    Frage: Du hast geschrieben „Irgendwie ja auch bewundernswert, wenn einer das Gerücht streut, für den Nobelpreis nominiert zu sein, obwohl es für diese Auszeichnung gar keine Nominierungen gibt.“

    Bei Wikipedia lese ich unter http://de.wikipedia.org/wiki/Nobelpreis#Nominierung_und_Auswahl : „Um für einen Nobelpreis in Frage zu kommen, muss man nominiert werden, wobei nur lebende Personen nominiert werden können.“

    Was stimmt denn nun? Oder hat das eine mit dem anderen nichts zu tun? Bin gerade verwirrt…

  2. unterbelichtet Says:

    Im Zeitartikel, auf den ich mich in meinem Blog beziehe, steht folgendes:

    „Auch auf vielen arabischsprachigen Webseiten ist die Rede davon, der Gelehrte sei schon mehrmals für den Nobelpreis nominiert worden (dabei gibt es, anders als beim Oscar, überhaupt keine solchen Nominierungen)“

    Wikipedia sagt unter anderem: „Gemäß den Statuten der Stiftung werden Informationen über Nominierte und Nominierende sowie diesbezügliche Meinungen und Untersuchungen seitens des Komitees für einen Zeitraum von 50 Jahren unter Verschluss gehalten.“

    Wahrscheinlich hat der Zeit-Redakteur das gemeint. Die Nominierungen gibt es wohl, aber sie werden nicht öffentlich bekannt gegeben…Da werde ich beim nächsten Mal genauer arbeiten müssen. Danke für den Hinweis

  3. Nikolaus Says:

    Da fragt man sich beim lesen ja schon, ob man nicht irgendwie auf den Kopf gefallen ist.


  4. Zur Frage der Nominierungen gibt es auch einen Artikel im El Naschie Watch Blog:
    http://elnaschiewatch.blogspot.com/2009/03/stimmts-dumm-gelaufen-hr-drosser.html

    Da hat Hr. Drösser nicht ganz genau recherchiert. Dennoch ist es sehr perfide von El Naschie, dies ständig überall zu behaupten, wohl wissend, dass es niemand prüfen kann.

    Übrigens ist jetzt ein Youtube-Video mit einem Interview von El Naschie online! Es ist in Englisch und Deutsch komplett untertitelt und.. man muss es einfach gesehen haben:


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